Institut für Wirtschaft und Ökologie

Plenarsaalreden beim 1. St.Galler Forum

Finden Sie hier eine Zusammenfassung der Plenarsaalreden am 1. St. Galler Forum für Management erneuerbarer Energien

Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen, Good Energies Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien, Universität St.Gallen

Einführung

Der Good Energies Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen – unter der Leitung von Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen - bekennt sich zur Vision „von 20:80 zu 80:20“. Dies bedeutet, dass der Lehrstuhl aktiv dabei mitwirken will, dass in absehbarer Zukunft der Anteil erneuerbarer Energien 80% der Energieversorgung beträgt, und nicht wie heute ca. 20%.

Das zentrale Element der Begrüssungsansprache bildete die Formulierung von fünf Thesen zum Management erneuerbarer Energien.

These 1: Rolle der Politik
Die Politik kann nur Rahmenbedingungen schaffen - oder eben nicht schaffen -, damit Unternehmer und Konsumenten vermehrt nachhaltig agieren. Letztere beiden sind schlussendlich ausschlaggebend dafür, in welche Richtung sich die Entwicklung bewegt.

These 2: Macht der Gewohnheit
Oft sind die Konsumenten gewillt, erneuerbare Energie vermehrt zu nutzen. Aber aufgrund von Defaultwerten, die bei Vertragsverlängerungen nicht erneuerbare Energien berücksichtigen, wird eine breitflächige Änderung der Produktwahl unterschwellig verhindert.

These 3: Die Gewinner von morgen
Jeder technologische Umbruch geht mit einer Veränderung der Unternehmenslandschaft einher. Dies gilt auch für die Energiebranche.

These 4: Standort Schweiz
Mit einer geschickten Ansiedlungspolitik gegenüber internationaler Unternehmen, die sich im Bereich der erneuerbaren Energien betätigen, liegt ein grosses Wertschöpfungspotenzial. Es gilt aber auch den Schweizer Heimmarkt zu pflegen, um politisch glaubwürdig zu sein.

These 5: Aus- und Weiterbildung
Manager müssen sich vermehrt ein Wissen bezüglich erneuerbaren Energien aufbauen, damit sie neue Marktchancen nicht verpassen.

Autor: Roger Rechsteiner

Dr. Sibyl Anwander Phan-Huy, Leiterin Qualität/Nachhaltigkeit/Wirtschaftspolitik, Mitglied der Direktion, Coop

Mit erneuerbaren Energien zur CO2-Neutralität – Von der Vision zum Programm

Laut McKinsey wird Coop nicht zu den Gewinnern vom Megatrend regenerative Energien gehören. Trotzdem hat sich die zweitgrösste Schweizer Supermarktkette (Grossverteiler) 2008 eine konsequente Klimastrategie gesetzt: CO2-Neutralität bis 2023 in allen direkt beeinflussbaren Bereichen (Eigenfertigung, Logistik und Verkauf)
2010 kennt man die konzerninterne Klimabelastung genau: Verbrauch von 700 GWh Strom, 300 GWh Wärme und 10 Mio. Liter Treibstoff. 80% davon sind nicht erneuerbar und erzeugen damit 105 TtC02 Ausstoss. Nun muss die Umsetzungsarbeit geleistet werden. Strategie ist es, den Energiebedarf um 20% zu reduzieren, was 50% CO2-Einsparung bedeutet. Die verbleibenden 50% werden über CO2-Projekte kompensiert.
Der grösste Hebel (70%) ist Wärmeeinsparung bspw. durch konsequente Abwärmenutzung in Produktion und Gebäuden. 20% Stromersparnis bringt ironischerweise die Verwendung von CO2 als Kältemittel in den zahlreichen Kühlaggregraten des Konzerns.

Der entscheidende Perspektivwechsel findet jedoch auf dem Papier statt: folgende drei Beurteilungskriterien wurden verändert und resultieren bei Investitionen in veränderten Rentabilitäten:
1) Massnahmen werden nach tatsächlicher Nutzungsdauer bewertet, nicht nach kalkulatorisch kurzfristigen Amortisationszeiten.
2) Investitionen werden umgesetzt, wenn die Kapitalkosten geringer sind als die eingesparten Energiekosten. Damit rechnen sich effizientere Lastwagen, Biogas-Anlagen und die Abwärmenutzung.
3) Bisher kostenloses CO2 wird kalkulatorisch mit einem Kompensationspreis bewertet. Damit werden langfristige Gebäudesanierungen lohnenswerter.

Mehr erneuerbare Energien nutzt Coop durch Biogas-Vergärung von Lebensmittelresten, durch CO2-arme Strombeschaffung, durch Ausbau des erneuerbaren Stromangebots sowie durch Strom aus Photovoltaik-Anlagen auf eigenen Gebäuden. Mehr und mehr Transporte werden auf Biodiesel aus unkritischer Herstellung umgestellt. Der Hit ist dabei recyceltes Speise-Altöl: 2 LKW-Prototypen sind erfolgreich damit unterwegs. Eigene CO2 Kompensationsprojekte in Nepal und Madagaskar sowie ein Fonds für innovative Projekte runden das Bündel an Aktivitäten ab. Künftig gibt es CO2-neutralen Kaviar aus der Schweiz, gezüchtet in klarem Quellwasser, das mit der Abwärme aus dem Lötschberg-Basistunnel erwärmt wird.

Autor: Carl-Ulrich Gminder

M. Kaufmann, Vize-Direktor Bundesamt für Energie und Hans-Ulrich Schärer, Sektionschef Erneuerbare Energien, Bundesamt für Energie

Energiepolitik Schweiz – Eine solide Brücke auf dem Weg zur Grid Parity?

Das Bundesamt für Energie (BFE) hat das Forum über das klare Vorhaben des Bundes zur Unterstützung von erneuerbaren Energien (EE) mit dem Ziel der Grid Parity informiert. Die EE spielen in der Energiepolitik eine gewichtige Rolle und es gilt dabei die besten Technologien zu verfolgen. Mit dem Instrument der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) können die verschiedenen EE nebst anderen Fördermassnahmen auf dem Weg zur Konkurrenzfähigkeit unterstützt werden.
Um die Grid Parity zu erreichen, setzt der Bund auf eine sinkende KEV gepaart mit Innovationsdruck. Dieser Absenkpfad hat das Ziel, die Herstellungskosten von EE zu senken und dem Marktpreis anzunähern. Wichtig hierbei ist die Anlehnung an Referenzanlagen, um eine möglichst genaue Berechnung zuzulassen. Eine realistische Berechnung der KEV erweist sich jedoch als schwierig, aufgrund schwankender Preise und der Verdienstmöglichkeiten mit der KEV seitens der Produzenten.
Die KEV selbst erhält seine Legitimation aus Art. 7a des Energiegesetzes, wobei die Ökostromproduzenten jährlich die Möglichkeit haben auf den freien Ökostrommarkt zu wechseln nach Art. 7b. Die KEV macht nur einen kleinen Teil des Strompreises aus und ist zunächst auf 0.6 Rappen pro kWh begrenzt. Das Parlament hat neu die Anhebung des Deckels auf 0.9 Rp/kWh beschlossen. Ein KEV Modell ohne Deckel, wie es binnen zwei bis drei Jahre gefordert wird, hätte ein um den Faktor zwei grösseres Potential beim Zubau von Kraftwerksleistungen bis 2030. Gegenwärtig sind circa 60 Revisionsthemen zur Optimierung in Bearbeitung, welche die genaue Zukunft der KEV bestimmen werden.

Autor: Bruno Landau


Giovanni Jochum, Leiter Markt und Mitglied der Geschäftsleitung, Rätia Energie

Produktion und Handel Erneuerbarer Energien: Chancen und Herausforderungen

Rätia Energie ist ein Schweizer Stromproduzent in Graubünden. Es ist „sauberer“ Strom aus Wasserkraft. Strategie ist, laufend bestehende Anlagen zu modernisieren und die Effizienz zu steigern. Grosse Neuanlagen sind wegen des Landschaftsschutzes schwierig durchzusetzen. Ähnliches gilt für Wind- und Solaranlagen in der Schweizer Bergwelt. Daher investiert das Unternehmen im Ausland in Wind- und Solaranlagen, um sein Portfolio an erneuerbaren Energien zu vergrössern.

Rätia Energie will jedoch weiter Schweizer Wasserkraft ausbauen. Ein Lernbeispiel für das Unternehmen ist das Projekt Lago Bianco, der Nutzung der Wasserkraft im Puschlav. 15 Jahre dauert das Projekt. Sind allerdings alle Beteilligten von Behörden über Anwohner bis hin zu Naturschützer einmal einverstanden, hat das Projekt langfristig Erfolg.

Überzeugt ist Rätia auch vom Pumpspeicher-System. Dies sei ein internationaler Trumpf der Schweiz, Spitzenbedarfe zu lukrativen Preisen zu verkaufen. Bislang wurde dies eher kritisch beurteilt als „Puffer“ für die nächtliche Überproduktion der Atomkraftwerke. Durch den starken Ausbau der Wind- und Solarenergie in Deutschland und zunehmend in Europa wird das Pumpspeicher-System immer wichtiger für die Pufferung des Wind- und Sonnenstroms.

Zur Vermarktung des eigenen Stroms nutzt Rätia Qualitäts- und Umweltlabels wie „naturmade“ oder „Strom OK“ oder das TüV-Logo. Es wurde eine eigene Produktefamilie PURE POWER geschaffen – und das in einem Unternehmen, in dem vor 10 Jahren Marketing ein Fremdwort war. Dies lohnt sich In den heutigen Strommärkten: Rätia kann mit seinem sauberen Wasserkraftstrom attraktive Preisprämien für den ökologischen „added-value“ abschöpfen. Sei es bei den umweltorientierten Haushalten oder Unternehmen. Was früher zum Normalpreis ins Netz eingespeist wurde, lässt sich heute als regenerativer Strom mit besseren Margen verkaufen. Daher plädiert Jochum für den Ausbau des Strommarkts in der Schweiz und eine bessere Integration in die EU – ungewöhnliche und mutige Töne aus dem Inneren der Schweizer Alpen.

Autor: Carl-Ulrich Gminder



Prof. Dr. Elgar Fleisch, Bits to Energy Lab, ETH Zürich und Universität St. Gallen (HSG)

Bits to Energy: Wie wird die digitale Revolution die Energiezukunft verändern?

Das Ziel des Vortrages war, den Schnittpunkt zwischen den Konsumentenverhalten und den neuen Technologien auf dem Gebiet der Energieeffizienz begreiflich zu machen. Bei dem Vortrag ging es in erster Linie um einen besseren Einblick in die Psychologie und Verhaltensweisen von Konsumenten. Anhand mehrerer Beispiele wurde dargelegt, dass Menschen, obwohl sie vorhersehbar handeln, ihre Entscheidungen meistens irrational treffen. Es wurden zwei Theorien erläutert: „The Power of Defaults“, d.h. wie sehr Menschen von bestimmten Vorgaben geführt werden und “The Power of Framing”, d.h. wie stark Formulierung z.B. einer Frage, Entscheidungen eines Menschen beeinflussen, wohlwissend, dass er grundsätzlich eine Aversion zu Verlusten hat. Sogar der Einfluss von „sozialen Normen“, die darauf hinweisen, wie der „Normalverbraucher“ entscheidet, verleitet die nächste Person dazu, genauso zu handeln.

Nun ist das allgemeine Ziel, das Thema „Energieeffizienz“ den Menschen näher zu bringen, und ihnen die Vorteile der physischen Welt, die mit der digitalen Welt verknüpft ist, zu erläutern. Die neuen Vorgehensweisen könnte man z.B. beim Wasserverbrauch anwenden. Um Ressourcen effizienter zu nutzen, müssen Unternehmen zuerst für ihre Kunden Anreize schaffen, Energie zu sparen. Dies könnte durch das Einsetzen von „smart meter mandates“ d.h. kundenspezifischen intelligenten Energieprodukte, erreicht werden. Problematisch ist hier allerdings, dass die Technologie noch nicht ausgereift ist. Durch weitere Forschungen in der Nanotechnologie werden Unternehmen ihre Kunden besser verstehen, und sie dazu bewegen können, bewusster zu handeln.

Autor: Jakub Gebel


Prof. Dr. Utz Claassen, CEO, Solar Millennium AG

Perspektiven solarthermischer Stromerzeugung vor dem Hintergrund der Ressourcenknappheit, Klimaschutz und global steigender Energienachfrage

Der Energiebedarf der Welt wird massiv anwachsen, unter der Berücksichtigung der Weiterentwicklung der Wirtschaften, insbesondere in China, Brasilien, Indien und Indonesien sowie aufgrund der steigenden Bevölkerungszahlen. Der Stromerzeugung muss somit ein besonderes Augenmerk geschenkt werden, wobei zukünftig mit etwa 5'000 neuen Kraftwerken à 500 MW gerechnet werden müsste, sollten sich entwickelnde Wirtschaften dem Konsumniveau der technologisierten, industriellen Welt angleichen. Den erneuerbaren Energien wird hierbei ein grosses Potential beigemessen, wobei nur die Solarenergie die globalen Probleme im Hinblick auf die Deckung des Energiebedarfs, Ressourcenknappheit und dem Klimaschutz zu lösen vermag.

Die Stromerzeugung aus der Solarthermie kann hierbei Mega-Leistungen erbringen und die Photovoltaik die dezentrale Speisung decken. Bei ersterem gilt, solarthermische Anlagen in der Sahara wären in der Lage den gesamten globalen Energiebedarf zu decken. Aktuelle Projekte in Kalifornien, Andalusien und Afrika zeigen, die Technologie ist bereit, wenn auch die Speicherbarkeit und der Transport die Industrie aktuell herausfordern. Das Ziel aller erneuerbarer Energien muss sein, ohne Subventionen voll wettbewerbsfähig zu werden. Dies kann nur durch technologische Weiterentwicklung und gezielte Nutzung geographischer Gegebenheiten realisiert werden.

Die Zukunft der Energieversorgung muss vor dem Spannungsfeld von Ressourcenknappheit, Klimaschutz und global steigender Energienachfrage betrachtet werden. Im Publikum sassen Persönlichkeiten, welche die Möglichkeit haben, die Wirtschaft und Politik von morgen zu beeinflussen. Prof. Utz Claassen appellierte deshalb an die Kolleginnen und Kolleginnen, sich an klugen, innovativen Lösungen zu beteiligen, nämlich dort wo das grösste Potential vorhanden ist.

Autor: Bruno Landau


Dr. H Harish Hande, Mitgründer und CEO, SELCO India

Learning from renewable energies deployment in developing countries: the story of SELCO India

”Solar is expensive for the rich and affordable for the poor“. This sentence gets right to the heart of Dr. Hande’s keynote message. While industrialized countries discuss about the level of subsidies for renewable energies (solar in particular), and who will carry the costs, SELCO is delivering renewable energies to the rural and poor customers at a cost below the price of fossil fuels.

Some of the challenges emerging economies such as India face are giving access to millions of poor citizens to raise living conditions, while congruently avoiding the pollution which comes with increased comfort. This challenge also represents a substantial opportunity for businesses, as there are approximately 4 billion poor citizens. However, large companies have not yet considered this prospect.

In order to successfully build up a business geared at creating added value for the rural poor, Dr. Hande laid out four insights: know your customer’s needs to sustain his or her income generating activity, select a robust technology to fulfill that activity, provide viable follow-up sale services and further create jobs, and finally, provide a doorstep financing solution.

Main challenges faced by SELCO are that many income sustaining devices are not compatible with solar energy, and thus many devices must be adapted. Indeed, instead of focusing on conventional solutions, both small and big businesses, as well as governments must look for new and exciting solutions which are beneficial for the economy, the environment and customers.

Autor: Christina Braun

Fotos: stuermer.com

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2013 findet das Forum erneut in Zusammenarbeit mit der Kongress- und Austellungsplattform ENERGIE statt.

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